Studium abgebrochen - warum ich mit Germanistik und Philosophie aufgehört habe

Bevor ich meine Ausbildung zur Buchhändlerin begonnen habe, war ich Studentin. Für zwei Semester, also noch nicht einmal wirklich ein ganzes Jahr.

Ich werde hier auf die Positiven und Negativen Aspekte eingehen, die mir an dem Studium gefallen oder nicht gefallen haben und natürlich sollte ich zuerst mit meinen persönlichen Umständen und Erwartungen beginnen, da die ja wohl am meisten Auswirkungen darauf haben, ob einem etwas gefällt oder nicht.

Ich schreibe diesen Text lediglich zur Information für euch und als Erfahrungsbericht - ich will damit nicht als Beispiel vorangehen. Es sind meine persönlichen Erfahrungen und Schlussfolgerungen, die ich aus dieser Zeit mitgenommen habe.

 

 Meine persönlichen Umstände und Erwartungen: 

Während der Schulzeit (und vor allem während der stressigen Oberstufe) war meine Antwort auf die Frage, was ich denn später studieren möchte, ziemlich eindeutig: Ich werde mich doch nach der Schule nicht noch mal für mehrere Jahre irgendwo hinsetzen um Stoff zu pauken, den ich später nur teilweise brauche!

Nur weil man Abitur macht, heißt das nicht, dass man automatisch studieren will oder muss - ich finde, das haben einige noch nicht verstanden.

Nach dem Schulabschluss steht einem die Welt so offen, wie man sie sieht.

Für manche ist das Studium direkt danach vielleicht gerade perfekt, weil man noch für ein paar Jahre dem ähnlichen Muster folgen kann und dann möglichst schnell den bestmöglichen Abschluss schaffen kann.

Für andere (wie mich) ist das Studium aber eher eine Option, die man erst einmal testen muss, weil man sie gar nicht wirklich wählen will - bei der großen Auswahl an Möglichkeiten, ist es aber wohl das gängigste, und deswegen wählt man es.

Nach dem Abi bin ich ein Jahr herum gedümpelt, habe es nicht geschafft, für mehrere Monate ins Ausland zu gehen und auch nicht fertig gebracht, meine Wünsche und Zukunftsziele auszuformulieren. Darauf bin ich nicht stolz (ich habe gerne einen Plan, dem man folgen kann), aber gleichzeitig ist es eben so wie es ist - und sowas stört einen nicht, wenn man jung ist. 

Was mich aber zunehmend gestört hat, war die vermeidlich geringe Auswahl an Optionen. Studium oder Ausbildung? Irgendwas von beidem muss man ja doch tun, man kann ja nicht das ganze Leben im Zimmer hocken und lesen. Leider.

Ich habe schließlich auf meine Mutter gehört und mich mit der Wahl meiner Studienfächer beschäftigt - am liebsten hätte ich Germanistik und Englisch genommen, da mich das gerade noch so interessieren konnte und ich mir auch gut vorstellen konnte, damit später was cooles anzufangen: Übersetzer von Büchern werden zum Beispiel.

Englisch ist leider nichts geworden, weswegen meine Alternative, Philosophie, zustande kam - zum Glück. Philosophie hatte ich bereits drei oder vier Jahre in der Schule und es hatte mir da schon sehr viel Spaß gemacht. Nur mit den Zukunftsaussichten in diesem Bereich sah es eher schlecht aus... aber ich studierte ja auch Germanistik. Und damit könnte ich ja immer noch ins Verlagswesen einsteigen.

Ich hatte also insgesamt eher keine allzu hohen Erwartungen an das Studium oder an mich selbst.

Ich war zu dieser Zeit eher antriebslos, hatte irgendwas mit dem Kreislauf, sodass ich morgens oft im Bett liegen bleiben wollte und war zudem auch noch sehr, sehr ängstlich. Ich hatte so eine Panik vor dem ersten Tag und den ganzen neuen Menschen, dass ich einfach nicht hingegangen bin und lieber in Selbstmitleid zerfließend zuhause geblieben bin.

Der zweite Tag hat dann aber gut funktioniert.

Die Uni beginnt ja immer mit einer "Ersti-Woche", wo sich die neuen Studenten bei Spielen und Alkohol untereinander kennenlernen und auch den Campus erkunden. Es ist fast unmöglich, unter dieser Masse an neuen Leuten keine netten kennen zu lernen, mit denen man sich anfreundet.

So habe auch ich es, trotz meiner großen Angst vor dem ganzen Neuen, geschafft zwei sehr nette Mädels zu treffen, die dieselben Fächer wie ich gewählt hatten.

Aber meine Antriebslosigkeit, die fehlende Motivation und auch das häufige Fehlen haben mit der Zeit dafür gesorgt, dass nicht nur meine Prüfungsergebnisse, sondern auch die Freundschaft darunter gelitten haben.

Vor allem lag das ganze wohl an meiner Einstellung und meinem Zustand, aber ich werde nun trotzdem einmal auf die negativen Punkte eingehen, die mir am Studium nicht gefallen haben:


Negative Punkte

 

- Schlechte Professoren. Es ist wie in der Schule, bei manchen Menschen fragt man sich, wieso gerade diese Personen von sich denken, dass sie Wissen vermitteln können. Eine meiner Professoren konnte z.B. einfach nicht vor einem Saal sprechen und hat mehr oder weniger in ihr Mikro geqietscht wie eine verängstigte Maus. Das ist auf Dauer nicht nur anstrengend für die Ohren, man behält auch fast nichts vom Erklärten. Gerade in solchen Fächern ist es dann wichtig, den ganzen Stoff zuhause noch einmal zu wiederholen und ihn sich selbst beizubringen. 

- Zuhause Nacharbeiten. Es ist so wichtig und es ist so schwierig, das rechtzeitig zu tun. Das Problem mit der Faulheit, alles zuhause selbst zu machen, zieht sich bei vielen Studenten bis zur Bachelorarbeit durch. Wenn man studiert und damit in der vorgegebenen Zeit fertig sein will, MUSS man zuhause wirklich ALLES tun. Und jetzt mal ehrlich, welcher frische Student ist so motiviert, seine ganze Freizeit für die Uni zu opfern? Bedenkt man auch mal, dass einige noch Jobs haben und lange Fahrtwege etc. Ich bewundere diejenigen, die es schaffen, immer alles wie erwartet zuhause nachzuarbeiten. 

- Die Zeiten. Vorlesungen und Seminare gehen den ganzen Tag von 8 bis 18 Uhr. Und Lerngruppen danach vielleicht noch bis 20 oder 22 Uhr. Je nachdem wie die Kurse gelegt sind, entstehen super lange Tage oder manchmal blöde Lücken in der Mitte des Tages. Natürlich hat nicht jedes Studienfach eine volle Auslastung in der Woche. Ich war mit Germanistik und Philosophie nur 3 oder 4 Tage die Woche sehr bequem beschäftigt. Aber die viele Freizeit hat auch nicht dafür gesorgt, dass ich mehr zuhause erledigt habe...

- Der Inhalt. Wer während der Schule denkt, dass man im Studium nie wieder die unnötigen Themen lernen muss, die einen später nicht weiterbringen, der irrt sich. Auch im Studium gibt es diese Themen - man kann nicht nur das wählen, was einen interessiert. (Also theoretisch kann man das schon, aber dann bekommt man keinen Abschluss, weil die Themenbereiche fehlen.) Bei mir war das in Germanistik das Thema "Linguistik" - Sprachwissenschaften. Für Linguistik mussten wir Dinge wie Semantik verstehen. Auch Morphologie war mit dabei. Und Semiotik. Oh, und Phonetik und Phonologie!

Viele mögen das ja interessant finden und manche wollen in gerade diesem Bereich später arbeiten oder forschen.

Aber für mich war das wirklich gar nichts und gerade die Phonetik hat mir den Rest gegeben. Die Phonetik beschäftigt sich nämlich damit, wie man Laute ausspricht. Für Phonetik muss man die Lautsprache auswendig lernen. Dank Phonetik weiß ich jetzt, dass es Plosive, Frikative, Nasale und Laterale unter den Konsonanten gibt und welchen Artikulationsort und Stimmton jeder verdammte Konsonant hat! ABER WOZU.

- Die Prüfungen. Vieles lernt man einfach nur, um es für die Prüfungen zu wissen. Die Prüfungen liegen in den Semesterferien, je nach Studienfach anders verteilt. Bei mir war alles immer in den ersten zwei Wochen erledigt, bei Freunden ziehen sich die Prüfungen durch die gesamten Semesterferien. D.h. man kann nicht einfach mal Urlaub buchen oder einen festen Sommerjob suchen, weil einem da ja die Prüfungen und das Lernen in die Quere kommen könnten.  So viel Ferien, wie man denkt, sind es also gar nicht wirklich. Und die Prüfungen an sich ... manche sind so lächerlich und andere so furchtbar schwer. Bei Prüfungen im Studium ist es wichtig, sie zu bestehen. Da lobt niemand den guten Schnitt oder die einser-Schüler. Alle freuen sich, wenn sie ihre vierzig Prozent geschafft haben und gut ist. Sowas kann für sehr zielstrebigen Menschen ein großer Dämpfer sein - denn wirklich gute Noten erreicht man eher selten. Manchmal werden einem die Ergebnisse aber auch geschenkt, z.B. haben wir in Philosophie mal eine Liste an Fragen bekommen, von denen dann eine Auswahl daraus die gesamte Prüfung darstellte (und trotzdem sind noch welche durchgefallen...) Jedenfalls zeigen Prüfungen nicht, ob man schlau ist. Es ist wieder mal nur eine Kontrolle, ob man gut auswendig lernen kann. Kombiniert damit, dass man für eine Prüfung das ganze Semester wiederholen muss und dann (in  meinem Fall) auch mal zwei dieser Prüfungen am selben Tag hat, ist es einfach sehr, sehr großer Stress.  

- Die Hausarbeiten. Man kommt im Studium nicht darum herum, wissenschaftliche Hausarbeiten zu schreiben. Man kommt nicht darum herum. Wer also schon weiß, dass er keine Hausarbeiten leiden kann oder einfach schlecht darin ist, wissenschaftlich zu arbeiten mit den ganzen Zitaten und Vorgaben - der wird keinen Spaß am Studium haben. Ich musste in meinen zwei Semestern 5 (glaube ich) Hausarbeiten schreiben, davon 3 kürzere (für Philosophie) und zwei längere (für Germanistik). Sowas frisst extrem viel Zeit und frustriert einen auch ziemlich - denn man weiß ja eh, dass der Prof die ganze Arbeit, die man da reinsteckt, gar nicht wertschätzen wird, weil der nur daran denkt, dass er noch 30 weitere Hausarbeiten durchschauen und bewerten muss. (Und ich zähle mich eigentlich noch zu den Menschen, die Hausarbeiten mögen und gerne mal 10 Seiten über Goethes Faust schreiben!)

- Das fehlende Feedback. Man sollte sich beim Studium nicht darauf einstellen, Feedback zu bekommen. Man besteht die Prüfungen oder auch nicht, das ist eigentlich egal. Es ist (meistens) egal, ob man mal fehlt. Es ist egal ob man zuhört - man kann im Hörsaal ein Buch lesen, eine Serie schauen oder Nintendo spielen. Vieles ist einfach so belanglos, dass für einen selbst der Wert der getanen Arbeit sehr gering ist. Man verliert schnell den Respekt vorm Studium, vorm Wissen und vor der eigenen Leistung. Manch einer sitzt wochenlang an einer Hausarbeit, nur um dann weitere Wochen nichts mehr vom Prof zu hören, bis dann endlich mal online eine Prozentzahl als Bewertung erscheint. (Natürlich kann man immer ein persönliches Gespräch mit den Professoren suchen.)


Positive Punkte

 

-Das System. Ja, ich habe es oben schon kritisiert, aber gleichzeitig hat es auch etwas Gutes, dass man eine Prüfung dreimal wiederholen kann und ein Seminar auch im Jahr darauf noch einmal belegen kann. So wird dafür gesorgt, dass jeder nochmal eine Chance bekommt. Ob man die nutzen möchte, ist ja jedem selbst überlassen, aber ich finde es in vielen Fällen sehr hilfreich, nicht nur ein einziges endgültiges Ergebnis zu akzeptieren.

Auch zum System gehört der Aufbau: Vorlesungen, Seminare, Tutorien. Die Abwechslung darin gefällt mir gut, so ist für jeden Lerntyp was dabei. Bei den Vorlesungen muss man nur aufpassen und zuhören. Bei Seminaren ist es wie in der Schule, ein großer Klassenraum und Meldungen zwischendurch. Bei Tutorien muss man den Kopf definitiv anschalten, denn da wird in kleineren Gruppen alles noch einmal wiederholt und man kann sich endlich trauen, so viele Fragen zu stellen wie man will. 

- Die Menschen. Studenten sind einfach cool. Es kommt natürlich immer auf das Studienfach an, das man wählt. Aber bei mir in Philosophie gab es einfach so viele verschiedene bunte Menschen! Ich hab mich jedes Mal aufs Neue gefreut, so viele unterschiedliche Charaktere auf einem Haufen zu treffen. Außerdem ist es, wie vorher schon gesagt, fast unmöglich, nicht jemanden zu treffen, den man näher kennenlernen möchte und mit dem man sich anfreunden kann. 

- Die Freizeit. Es kommt jetzt drauf an, ob man das Glas halbvoll oder halbleer sieht. Zum Einen hat man je nach Studienfach eine extrem volle Woche und dank der Prüfungen in den Ferien auch keine entspannten Ferien. Aber auf der anderen Seite kann man sich seine Fächer so wählen wie man möchte, seine Zeit so einteilen wie es einem passt und auch die langen Semesterferien sind (je nachdem wie viel Stress man sich mit den Prüfungen macht) sehr erholsam.

-Die Möglichkeiten. So ein Studium ermöglicht einem schon einiges. Man kann "bessere Jobs" bekommen, erhält "mehr Gehalt" und wird "besser angesehen" (So wird's einem jedenfalls immer beschrieben. Aber ich halte diese Aussagen für relativ, denn jeder Mensch hat seine eigenen Standards). Während des Studiums kann man außerdem Auslandssemester machen. Man kann BAföG beantragen, wenn einem die Mittel fehlen, das Studium selbst zu finanzieren. Es gibt eine unglaubliche Fülle an Studienfächern. Es gibt eine Menge Studentenrabatte und Vorteile für Studenten. Wo sonst kann man so viel feiern, saufen und faulenzen, wenn nicht im Studium. Wo sonst kann man sich so schnell und viel Wissen aneignen wenn nicht im Studium?


Fazit: Natürlich haben die negativen Punkte für mich persönlich mehr Gewicht als die positiven. Das kann aber für jeden Menschen anders sein.

Ich bereue es nicht, die zwei Semester ausprobiert zu haben. Wenn man die Mittel dazu und das Interesse daran hat, dann sollte man ein Studium nicht von vornherein ausschließen. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, dass es kein Fehler ist, wenn man ein Studium abbricht - denn manchmal bringt es einem nichts, mit etwas weiterzumachen, das einen nicht erfüllt. 

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