Endlich Ruhe - Update: ein Sommer ohne Instagram

Alle fünf Minuten das Handy checken. Zu spät zu Terminen erscheinen, weil man noch kurz Nachrichten in die virtuelle Welt senden muss. Nachts zwei Stunden länger wach liegen, um mit müden Augen durch Bilder und Memes zu scrollen.

Dates verschieben, weil das Licht gerade perfekt für Bilder ist. Handy neben dem Teller, wenn man bei den Eltern zum Essen ist. Beim Anblick neuer Bücher nur ein Gedanke: Wie dekoriere ich sie am Besten?

Für alles ein Maßstab: Die Zahlen der Likes, Kommentare und Follower.

Für mich ein anstrengender Zustand: Unausgeglichen, unzufrieden und gestresst.

Ich habe die App vor 3 Monaten von meinem Handy gelöscht.

Jetzt ist alles so viel besser. 

Es hört sich jetzt ganz schön extrem an... aber wenn ich darüber nachdenke, was für einen Unterschied es zwischen dem Jetzt und dem Vorher gibt, ist diese leichte Übertreibung schon angebracht.

Ich war so unglücklich!

Und ich wusste nicht, woran es liegt. Ich war doch zufrieden mit meiner Seite. Ich habe schließlich viel Freizeit investiert, um etwas zu erschaffen, das mir und anderen gut gefällt. Aber meine Stimmung ist immer schlechter geworden, ich habe mich immer öfter über nichtige Dinge aufgeregt, die nur in der Onlinewelt existieren und schließlich war ich auch mit der echten Welt immer unzufriedener. Abends abzuschalten war fast unmöglich, denn wenn ich es geschafft habe, tagsüber das Handy nicht zu beachten (was einfach ist, wenn man zehn Stunden auf der Arbeit verbringt), dann musste ich abends natürlich so einiges aufholen. 

Ich habe nach Lösungen für meine Unzufriedenheit gesucht: Ich habe seltener gepostet - war aber dadurch sogar öfter online, um trotzdem noch "dabei" oder "ein Teil davon" zu sein.

Ein Versuch, um abends abzuschalten, bestand darin, mehr aktive Zeit mit etwas anderem als Handy oder Netflix zu verbringen. Ich habe gepuzzelt. Es war schön, mal etwas ganz anderes zu tun... aber nur puzzeln macht auch nicht glücklich. Also Abends spazieren gehen. Yoga machen. Eine Bestimmte Anzahl an Seiten lesen.

Dadurch habe ich mir nur noch mehr vorgenommen, was ich nicht erreichen konnte. Der Tag hat nur 24 Stunden.

Aber ich dachte ja immer noch, meine unausgeglichene Laune würde wieder weggehen, wenn ich irgendetwas anders mache - nicht, wenn ich einfach weniger mache. 

Ich habe ein neues Buch gelesen, dessen Titel mir ins Auge gefallen ist: "Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst" von Jaron Lanier". Mich hat nicht alles in dem Buch interessiert, was der Autor mitteilen wollte und seinem sofortigem Aufruf, auf der Stelle alle Accounts zu löschen, bin ich natürlich auch nicht nachgegangen. Aber ein paar Interessante Erkenntnisse habe ich durch dieses Sachbuch erhalten. Und es sorgte für einen Gedanken: "Was, wenn mich diese App, die mir bisher so viele Freude gebracht hat, eigentlich nur unglücklich macht und Schuld an allem ist, was mich seit Monaten stört?"

Der Autor ist darauf eingegangen, was die Absicht von sozialen Medien geworden ist - neben der tollen Absicht, Menschen zu vernetzen. Die Erschaffer von den sozialen Medien wollen Geld verdienen... und das bekommen sie durch Werbung. Und somit gehören die sozialen Medien der Werbung: Wer am meisten zahlt, kann am meisten bestimmen. Klingt schon irgendwie logisch, dass Algorithmen erschaffen werden, weil jemand dafür bezahlt, um daran zu verdienen und nicht, weil es Nutzern hilft. Dann hat der Autor erklärt, dass unzufriedene Nutzer gute Nutzer sind.

Ein trauriger, unzufriedener Nutzer wird immer mehr Zeit in seiner App verbringen, um etwas zu finden, dass ihn aufmuntert. So viel in der Welt ist darauf ausgelegt, uns traurig zu machen und negative Gefühle in einem zu wecken. 

Wer das Gefühl hat, nicht genug zu sein, wird etwas haben wollen, dass ihn vervollständigt. Wer das Gefühl hat, nicht genug zu haben, wird alles kaufen, dass ihm angeboten wird. Glückliche Menschen brauchen dagegen nichts mehr. Erst wenn man denkt, dass es einem an etwas mangelt, will man konsumieren.

Ganz einfache Logik. 

Deswegen sorgt die Werbung und die von der Werbung dominierten sozialen Medien dafür, dass wir uns unvollständig fühlen. Traurig sind. Das Gefühl haben, nicht genug zu sein und nicht genug zu haben. Nicht hübsch genug. Nicht fit genug. Nicht umweltbewusst genug. Nicht beliebt genug. Nicht kommunikativ genug. Nicht mitteilsam genug. ...Weniger geliked als andere. 

Ständig werden Wünsche für Sachen geweckt, die man nicht haben wollte bevor man erfahren hat, dass sie existieren.

Wenn ihr euch also schuldig, traurig, minderwertig oder unzufrieden fühlt, dann hört auf damit - Schuld ist vielleicht nur euer Newsfeed, eure Startseite oder die Explore-Page, die euch traurig machen wollen, um einen guten, konsumierenden Nutzer aus euch zu machen.  

 

Als mir das alles klar geworden ist, habe ich beschlossen, Instagram von meinem Handy zu löschen. Es war bis dahin seit gut 4 Jahren installiert gewesen, ich habe 2 Accounts: Einen privaten, den ich irgendwann vernachlässigt habe, weil ich zu wenig Likes auf meine total tollen Urlaubsfotos bekommen habe *Augenroll* und den Buchpanda-Account, wo ich Rezensionen teilte.

Erst war ich am Überlegen, wie ich aufhöre - mache ich noch ein Gewinnspiel und verlose Bücher? Mache ich emotionale Abschieds-Posts? Aber das war nicht Sinn und Zweck der Sache, deswegen habe ich einfach irgendwann auf deinstallieren gedrückt. 

Natürlich habe ich nicht an einem Tag die App gelöscht und mich am nächsten Morgen gefühlt, als würde mir ab jetzt die Sonne aus dem Arsch scheinen. Ich habe irgendetwas anderes gesucht, das die leere Zeit füllt und Langeweile totschlägt - durch 9Gag scrollen zum Beispiel. Aber mit den Wochen habe ich gemerkt, dass die Wohnung ordentlicher aussieht, weil ich mir die Zeit nehmen konnte, mal richtig aufzuräumen. In der Sonne den Boden zu wischen ist doch viel schöner, als in der Sonne lange in gebückter Haltung über einem Fleck zu knien und perfekte Fotos zu machen, die mir wenige Tage später eh nicht mehr gut genug erscheinen (okay, ich wische halt gerne den Boden, stellt euch einfach was anderes vor, das man bei gutem Licht machen könnte außer Fotos. Ich sitze zum Beispiel gerade in der Sonne und schreibe diesen Beitrag. Angenehm.)

Ich habe es natürlich nicht geschafft, jetzt mit einem mal zum super aktiven Freizeit-Aktivitäten-Panda zu werden. Das habe ich mir aber auch nicht vorgenommen, denn ich wollte ja erst mal nur meine Laune in den Griff bekommen und glücklicher werden. Ich konnte mich endlich mehr auf mich selbst konzentrieren, was einfach nicht ging, als sich meine Gedanken so oft mit meinem Online-Auftritt beschäftigt haben.

Ich hatte plötzlich nur noch diesen Blog... und daran habe ich keine Ansprüche. Ich habe ihn gestartet, um lange Rezensionen schreiben zu können, um einen Überblick über meine gelesenen Bücher zu haben... und wenn das einige Leser interessiert, ist mir das schon genug. Ich habe kaum Kommentare aktiviert, keinen Besucher-Zähler... keinen Vergleich, keinen Druck. Ich hatte den Sommer über keine Zeit, regelmäßig Bambustalks zu verfassen ... war das ein Problem für mich? Überhaupt nicht. Wohingegen ich bei Instagram immer gleich gemerkt habe, das eine Funkstille negative Auswirkungen hatte. 

 

Ein großer Punkt, der mich jetzt vor allem daran hindert, zurückzukommen ist, dass ich es langweilig finde, mir meine Startseite anzuschauen. Ich habe ja nur die App deinstalliert und nicht meinen Account gelöscht, weil ich natürlich nicht aufgehört habe, Bookstagram zu mögen. Mich sprechen nur gerade  die Bilder nicht mehr an, ich will einfach nur noch Privatnachrichten mit einzelnen austauschen, deren Kontakt ich sehr vermisse ... und über Bücher reden.
Und dann diese Werbung-Kennzeichnungs-Debatte, die alle verrückt macht. Das ist ja sowas von nervtötend!

Man darf als öffentliches Profil nichts mehr verlinken, keine Marken mehr nennen, eigentlich auch keine positive oder negative Meinung mehr zu irgendwas abgeben, ohne dies dann als "Werbung" zu kennzeichnen. ... Was bei vielen Nutzern auf Unmut stößt. 

Es ist definitiv notwendig, da eine allgemeine Regelung zu finden, die von jedem beachtet wird - wieso meckern so viele?

 

Und das ist jetzt nur das wichtigste Thema, über das ich mich aufregen kann.

Manchmal wird man so aggressiv über irgendwelche Meinungsäußerungen oder irgendwelche Ungerechtigkeiten, dass man den ganzen Tag nur pöbeln will und diese ganze negative Energie aus dem Internet aufsaugt und in sich herumträgt. Aber das ist ungesund. Durch soziale Medien kann einem irgendein fremder provozierender Mensch, irgendein armes Schwein, den ganzen Tag versauen. Und das passiert schneller als man sich selbst bremsen kann. Wozu dieses Risiko eingehen?

 Es stört mich, dass in sozialen Medien trotzdem immer noch so viel Potential und möglicher Erfolg steckt, das es einem schwierig macht, aufzuhören. Ich könnte noch die 10000-Follower-Marke knacken, ich könnte noch dieses Gewinnspiel gewinnen, ich könnte noch von einem Star bemerkt werden, ich könnte noch meine große Liebe finden, ich könnte noch... keine Ahnung, meine Seele gewinnbringend verkaufen?

Aber was ist schon Erfolg, wenn man damit nicht zufrieden sein kann? Wenn man dadurch täglich mit etwas konfrontiert wird, dass einen absichtlich runterzieht und traurig macht, um von einem zu profitieren?
Das ist es nicht wert. 

 

Ich hätte mich selbst definitiv nie für "Instagram-Sucht-Anfällig" eingestuft. Ist doch irgendwie lächerlich, so viel Wert auf eine App zu legen, in der so viel Selbstdarstellung, Werbung und Fake existiert. Aber ich habe so viel Zeit investiert, war gut zweieinhalb Jahre fast täglich dabei und natürlich war es mir extrem wichtig. (Auch wenn manche bei diesem Bericht wohl lachen werden über so viel Drama bei nur 2500 Followern).

Aber ganz ehrlich: Ich will nicht wissen, wie es anderen geht, ob weniger oder mehr Follower, Likes oder Bilder.

Wie geht es euch, hinter den gefilterten Bildern, dem optimierten Feed?

Fühlt ihr euch auch unzufrieden? Habt ihr festgestellt, dass euch eine App nicht glücklicher machen kann sondern auf Dauer nur runterzieht?

Vielleicht solltet ihr über eine Pause nachdenken, einfach mal um festzustellen, was für Auswirkungen das hat und ob es einen großen Unterschied macht. Ich bin jedenfalls sehr froh, diesenSchritt getan zu haben und den Unterschied zu erleben. 

 

Danke, dass ihr den langen Text bis hier unten gelesen habt. Schaut euch Pflanzen und Sonne und Groot an :)

 

(Zitate in den Fotos aus: Matt Haig - Notes on a nervous Planet  & Rupi Kaur - The Sun and her Flowers)

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